Wenn wir in der Familie über fünfunddreißig Jahre Auto Leonhardt sprechen, kehrt das Gespräch fast immer zu einzelnen Menschen zurück. Zu einem Kunden, der inzwischen seine Kinder und Enkel zu uns bringt. Zu einem Mitarbeiter der ersten Stunde, dessen Sohn jetzt als Leitungskader arbeitet. Zu einem Lieferanten, mit dem in drei Jahrzehnten kein Vertrag schriftlich nötig war. An diesen Stellen merkt man, was ein Familienbetrieb misst. Aus Anlass des Jubiläums möchten wir das Gespräch nach außen tragen. Drei Fragen führen uns dabei: Was hat uns getragen. Was hat sich verändert. Und worauf verpflichten uns die nächsten Jahre.
Was hat uns getragen. Die Antwort ist im Autohaus-Gewerbe so selbstverständlich, dass man sie übersehen kann: der Kunde. Genauer: die Aufgabe, Kunden zu schaffen, statt bloß Autos zu verkaufen. Ein Auto verkauft sich am Ende über Preis, Modell, Verfügbarkeit. Ein Kunde aber entsteht erst, wenn jemand, der ein Auto gekauft hat, beim nächsten Mal wiederkommt und beim übernächsten die eigenen Kinder schickt. Das ist eine andere Größenordnung als ein abgeschlossenes Geschäft. Sie verlangt, dass wir nicht im Augenblick der Unterschrift verschwinden. Sie verlangt, dass wir im Werkstattfall einen Hörer abnehmen, der mehr Geld kostet als bringt. Auf dieser Differenz steht alles. Sie ist die einzige Definition von Unternehmertum, die uns in fünfunddreißig Jahren getragen hat.
Aus dieser Definition entsteht auch unser Anspruch, die Nummer 1 sein zu wollen. Das Wort hat etwas Plakatives, und wir wissen, dass Nummer 1 sich auf Tabellen, Verkaufszahlen, Marktanteile beziehen lässt – Größen, die ihren Platz haben. Was wir damit meinen, ist etwas anderes. Nummer 1 ist für uns ein innerer Anspruch. Eine Frage, die wir jeden Morgen stellen: Tun wir heute, was richtig ist, oder tun wir nur, was sich tun lässt? Dieser Unterschied entscheidet darüber, ob ein Betrieb seinem Anspruch dient oder seiner Bequemlichkeit. Diese Haltung hat uns über die Jahre auch davon abgehalten, manche Wege zu gehen, die offen vor uns lagen. Schnelleres Wachstum. Andere Standorte. Vertriebsformen, die schnell zum Abschluss kommen, aber selten zum Wiedersehen. Wir haben nicht immer den größten Schritt gewählt. Wir haben den gewählt, der zu uns gepasst hat. Im Rückblick ist das die wichtigere Wahl gewesen. Marktführer wird man in zwei, drei guten Jahren. Nummer 1 in dem Sinne, den wir meinen, ist eine Frage von Jahrzehnten. Und sie lässt sich an keinem Tag abhaken.
Was hat sich verändert. In fünfunddreißig Jahren fast alles, was sich messen lässt. Die Autos selbst zuerst: aus Verbrennern wurden Hybride und Stromer, aus mechanischen Systemen Steuergeräte, aus Werkstattbüchern Diagnoserechner. Kundinnen und Kunden bestellen heute am Bildschirm und konfigurieren ein Fahrzeug, das früher in einem Katalog endete. Auch der Erzgebirgskreis hat sich verändert – jüngere Menschen gingen, andere kamen zurück, manche blieben. Was sich nicht verändert hat, lässt sich schwerer beschreiben. Es ist die Frage, die die Generation vor uns gestellt hat und die wir heute weitertragen: Was hinterlassen wir, das mehr ist als ein Geschäftsbetrieb? Wer in einem Familienbetrieb arbeitet, lernt früh, dass Zeit nicht in Quartalen gerechnet wird. Sie wird in Übergaben gerechnet, und in dem, was eine Übergabe trägt.
Mit der Zeit lernt man auch zu unterscheiden, was Profit ist und was er nicht ist. Profit erklärt einen Betrieb so wenig wie der Puls einen Menschen erklärt. Er zeigt, dass etwas funktioniert. Er ist der Test, ob das, was wir tun, tragfähig ist. Er erklärt aber nicht, warum wir es tun. Diese Unterscheidung ist im Familienunternehmen leichter zu wahren als andernorts. Wir leben am Ort, an dem wir wirtschaften. Wir sehen die Auszubildenden auf dem Weg zur Berufsschule und die ehemaligen Lehrlinge an ihren ersten Häusern. Was wir erwirtschaften, fließt in Steuern an einen Landkreis, dessen Vereinen, Feuerwehren und Schulen wir verbunden sind. Wenn wir von sozialem Gewissen reden, meinen wir das Konkrete: dass ein Betrieb seinem Ort etwas schuldet, an dem er steht. Diese Verbundenheit ist in einer Wirtschaft, die zunehmend von Algorithmen und Skalierungslogik geprägt wird, keine selbstverständliche Form mehr. Ein Familienbetrieb, der in einer Region wirtschaftet, trägt aber etwas, das niemand kopieren kann: Was er tut, fällt auf ihn zurück. Eine schlechte Beratung trifft den Verkäufer am Wochenende beim Bäcker. Ein gehaltener Ausbildungsplatz wird zur Geschichte des Cousins. Es ist die strengste Form von Verantwortung, die wir kennen.
Worauf verpflichten uns die nächsten Jahre. Die Antwort ist unspektakulärer, als man bei einem Jubiläum erwarten würde. Sie liegt im selben Versprechen, mit dem wir 1991 angefangen haben, übersetzt in eine Welt, in der Autos anders fahren, Kunden anders kommen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anders arbeiten. Wir wollen Kunden schaffen, die wiederkommen. Wir wollen Nummer 1 in dem sein, was wir tun, gemessen an dem, was richtig ist. Wir wollen ein Ort bleiben, an dem ein Wort am Tresen auch in fünf Jahren gilt. Wer fünfunddreißig Jahre bestanden hat, weiß, dass eine Zukunft sich nur an dem bauen lässt, was getragen hat. Und so werden Türen weiter aufgehen: für Kunden, die kommen wollen, und für eine Familie, die bleiben will.